Bob Dylan wird 70

photo: christof graf

Bob Dylan - Ein Lebensweg inszeniert sich selbst

oder einfach nur:

Bob Dylan feiert am 24. Mai 2011 seinen 70. Geburtstag

Text & Fotos/ Auszüge von Christof Graf in folgenden Quellen: Hörerlebnis 05/ 2011 und DIE RHEINPFALZ, Mai 2011, GOODTIMES, Mai 2011

Kaum ein anderer Lebensweg eines Künstlers wird derart mit Aufmerksamkeit beobachtet, wie der von Songwriter-und Rocklegende Bob Dylan. Und auch kaum ein anderer Musiker wird von Kritikern und Fans gleichermaßen mit Respekt und Verehrung bedacht. Egal, ob Künstlerkollegen oder die heranwachsende Musikergeneration, es ist zumeist Bob Dylans Name, der als musikalisches Vorbild genannt wird. Am 24. Mai feiert die sich in diesem Jahr erneut auf Neverending-Tour befindende und 2011 erstmals auch in der VR China auftretende Ikone der Rockmusik ihren 70. Geburtstag. Christof Graf läßt eine unvergleichbare Künstlervita Revue passieren.

Wer Bob Dylan ist? - Die Biographie

"Wer Bob Dylan ist? Ich bin nur Bob Dylan, wenn ich Bob Dylan sein muß. Die meiste Zeit bin ich einfach nur ich selbst. Bob Dylan denkt niemals über Bob Dylan nach. Ich halte mich selbst nicht für Bob Dylan. Es ist so wie Rimbaud gesagt hat: "Ich ist ein anderer". Kaum eine andere Aussage gibt mehr über Bob Dylans Denken und Handeln preis. Kaum eine andere läßt mehr Spielraum für Interpretationen. Bob Dylan hat bereits zu Beginn seines Wirkens Anfang der 60er Jahre die "Privat-Person" Bob Dylan der Öffentlichkeit entzogen. Er bevorzugte es, seine ausdrucksstarken Songs wie "Blowin´in The Wind", "The Times They Are-A-Changin´", "Knockin`On Heaven`s Door" oder "Masters Of War" für sich sprechen zu lassen.

Der Sohn eines Waschmaschinenhändlers, aufgewachsen in Duluth, Minnesota, entzog sich sogar seinem Geburtsnamen Robert Allen Zimmermann und machte in Anlehnung an den walisischen Dichter Dylan Thomas schon immer gerne ein Geheimnis um seine Person.

Vielleicht wollte er auch nur nicht die Rolle spielen, die andere ihm doktrinierten: Prophet, Visionär und Revolutionär. Vielleicht ist er einfach nur viel lieber Gitarrist, Sänger und Songwriter. Mit Sicherheit aber ist er die Unvereinbarkeit in Person, Entzieher von Erwartungen und ein guter Wächter des eigenen Ichs. Privates erfährt man kaum. Seine Wohnsitze und Familiäres in Florida und Kalifornien sind kaum bekannt. Präsenz zeigt er lediglich auf der Bühne. Plattenumsätze und Orden nimmt er zur Kenntnis, aber nicht wirklich ernst.

Ohne sich auf die Mythenbildung einzulassen und vielzitierte Klischees zu wiederholen, läßt sich feststellen, daß Bob Dylan größeren Einfluß auf die Rockgeschichte genommen hat als irgendein anderer Soloartist der 60er. Wie kein zweiter Künstler außer Andy Warhol hat er den Geist der 60er Jahre mitgestaltet und die bis dahin bestehenden künstlerischen Grenzen überschritten und was noch bedeutender ist, er hat sie für andere geöffnet.

Mit Alben wie "THE FREEWHEELIN", "BOB DYLAN" (1963) und "THE TIMES THEY ARE-A-CHANGIN" (1964) vollzog er rasch den Übergang vom Traditionals singenden Folkmusiker zum engagierten Sänger seiner eigenen neuartigen Song-Gedichte und etablierte somit das Genre der Singer/Songwriter. Ohne Dylan gäbe es vielleicht keinen Leonard Cohen und keine Joni Mitchell, würde die Welt ohne Neil Young, Tom Waits oder Nick Cave auskommen müssen.

Und selbst Bands wie R.E.M., U2 oder Take That haben Bob Dylan als ihr erstes musikalisches Vorbild genannt.

Wichtiger noch für die Entwicklung der Rockmusik waren "Like A Rolling Stone", der erste Top-Hit mit ernstzunehmenden Lyrics, sowie sein US-Auftritt beim Newport Folk Festival 1965. Dort schloss er seine Gitarre an einen Verstärker an und trug damit den Rock'n'Roll in die heiligen Hallen der engstirnigen Traditionalisten. "Judas" beschimpfte man ihn deswegen.

"Play fuckin`loud" war daraufhin die Anweisung an seine Begleitband. Danach war musikalisch alles möglich. Doch Dylan machte noch weitmehr Schlagzeilen. Nach seinem Motorradunfall 1966 begann eine Phase völliger Zurückgezogenheit. Dann folgte mit "John Wesley Harding" (1967) das allererste Country-Rock Album der Rockgeschichte.

"SWEETHEART OF THE RODEO" (1968) von den Byrds oder "BEGGARS BANQUET" (1968) von den Stones wären ohne "JOHN WESLEY HARDIN" undenkbar, Bands wie die Byrds, Eagles oder Crosby Stills Nash & Young hätte es vielleicht nie gegeben. "NASHVILLE SKYLINE" (1969), mit einer noch radikaleren Hinwendung zur klassischen Country-Musik war ein noch größerer

kommerzieller Erfolg. Doch nach dem "JOHN WESLEY HARDING"-Album ließ Bob Dylans unmittelbarer Einfluß auf die Rockgeschichte nach.

Obwohl in den mittlerweile vier folgenden Dekaden weitere hervorragende und wichtige Alben entstanden hatte Dylan nie mehr diese tragende Rolle wie in den 60er Jahren. Kritiker behaupten, Dylan genieße spätestens seit 1968 das zweifelhafte Vergnügen eine Rocklegende zu sein, ein Mythos. Und er mußte nicht mehr viel dafür tun, um eine solche zu bleiben.

Doch Stoff für Mythen lieferte Dylan nach wie vor. 1969 z.B. verweigerte er seine Teilnahme in Woodstock, um, wie er damals argumentierte, nicht zum "Sprachrohr einer ganzen Generation" zu werden. Das Ergebnis war, gerade durch seine Nicht-Teilnahme manifestierte er genau jenen Ruf. Mit seinem Buch "TARANTULA" belegte er Anfang der 70er Jahre die US-Bestsellerlisten und Mitte der 70er absolvierte er die größte US-Tournee einer Rockband durch die USA.

Doch dem zurückgewonnenen künstlerischen und kommerziellen Erfolg folgte eine private Misere. In den 60ern bereits von seiner Lebensgefährtin Joan Baez getrennt, zerbrach auch die Ehe mit seiner Frau Sarah, mit der er vier Kinder hatte. Jakob, das jüngste, etablierte sich in den 90ern mit der Band "The Wallflowers" als erfolgreicher Songwriter und Bandleader.

Leben und Wirken

Ende der 70er/ Anfang der 80er suchte Dylan seine Antworten in Bibelstudien und religiösen Texten. Erst die Tourneen mit Tom Petty und The Grateful Dead Mitte/ Ende der 80er Jahre ließen Dylan wieder zu seinem gewohnten Songwriting zurückfinden. Diese Rückkehr wurde in den letzten Jahren mit zahlreichen Auszeichnungen und Ehrungen honoriert. Egal, ob mit seinem Eintritt in die Rock`n`Roll Hall of Fame (1988), zahlreichen Grammy-Awards oder der Auszeichnung des Oscars (2001) für seinen Song "Things have changed", Dylan ist der wohl hochdekorierteste Künstler der Populären Musik überhaupt. Seit Ende der 90er Jahren

wird er sogar regelmäßig für den Literatur-Nobelpreis vorgeschlagen. Am 8. April 2008 wurde ihm sogar der Pulitzer-Sonderpreis für seinen besonderen Einfluss auf die Popkultur und seine "lyrischen Kompositionen" verliehen.

Mit seinem Album "TIME OUT OF MIND" (1997) verkörperte er einmal mehr sämtliche Wurzeln moderner Musik und damit die Tiefe seiner Reflektionsfähigkeit.

Mit "LOVE AND THEFT" erschien am 11. September 2001 eine als weiteres "Spätwerk" gefeierte Platte, auf dem Dylan eine Reise zu den Wurzeln der amerikanischen Musik unternimmt. Eine Fortsetzung fand 2006 mit Dylans 32. Studioalbum "MODERN TIMES" statt, mit dem es ihm gelang, das erste Mal seit "DESIRE" (1976) wieder an die Spitze der US-Charts zu kommen.

Die 2000er und damit das fünfte Jahrzehnt seines künstlerischen Schaffens waren insgesamt recht umtriebig. Dylan schrieb an dem Drehbuch für den Hollywood-Film "MASKED AND ANONYMOUS", bei dem er auch die Hauptrolle (2003) übernahm und er veröffentlichte 2004 mit "THE CHRONICLES, VOL 1" den ersten Teil seiner Autobiographie. 2004 stellte er für einen Werbespot von Victoria's Secret nicht nur sein Lied "Love Sick" zur Verfügung, sondern trat auch als Akteur in dem Werbeclip auf. 2006 moderierte er beim amerikanischen Radiosender "XM Satellite Radio" eine wöchentlich gesendete, einstündige Sendung mit dem Titel "Theme Time Radio Hour". Und 2009 erschienen gleich zwei neue Studioalben, eines mit dem Titel "TOGETHER THROUGH LIFE" im Stile seiner bisherigen Spätwerke und "CHRISTMAS IN THE HEART", das überraschenderweise traditionelle Weihnachtsklassiker wie z.B. "Little Drummer Boy" oder "Winter Wonderland" enthält und bei dem die Erlöse aus dem Verkauf als Spende an das Welternährungsprogramm und die Organisation Crisis UK gehen. Letztere verteilen in der Weihnachtswoche rund 15.000 Mahlzeiten an Obdachlose.

Darüber hinaus ergänzte Dylans Plattenfirma SONY (, die er noch immer als mit deren früheren Namen "Columbia Records" bezeichnet) die Veröffentlichungsliste der sog. "THE BOOTLEG SERIES", die 2010 mit den "THE WITMARK DEMOS: 1962 - 1964" seit der ersten Publikation 1991 mittlerweile ihre neunte Folge erlebten.

Zuguterletzt machte sich Bob Dylan in den 2000ern auch als Maler und Zeichner einen Namen. Während seiner Neverending-Tour-Reisen durch die USA, Mexico, Europa und Asien hat Bob Dylan zahlreiche Zeichnungen in Bleistift und Kohle angefertigt. Die ersten davon wurden 1994 unter dem Titel "Drawn Blank" veröffentlicht. In den Jahren 2007/ 2008 wurden 170 Aquarelle und Gouachen im Rahmen einer Ausstellung weltweit erstmals in Chemnitz gezeigt. Leben und Wirken nehmen auch 2011 kein Ende. Dylan ist seit April erneut auf Tournee. Dieses Mal beginnt die Fortsetzung der "NET" in Asien.

Die Magie der Neverending-Tour (1988-Heute)

"Ich bin Musiker, nicht einer, der sich ab und zu mal eine Platte kauft. Für mich ist das alles mehr als nur Entertainment", sagte Dylan 1997 im Rahmen eines seiner seltenen Pressegespräche. "Das ist mein Job, mein Gewerbe, mein Handwerk", fügte er hinzu und

erklärte: "Auf der Bühne zu stehen ist für mich so natürlich wie das Atmen". Und genau das tut er seit 1988 unaufhörlich, für cirka 100 Konzerte pro Jahr im Rahmen seiner sogenannten Neverending-Tournee. "Finale Lieder gibt es nicht", sagt Dylan. "Das Wort ist mir

wichtig, die Musik ist variabel", fügt der Meister, der knapp über 50 Alben in über 50 Jahren mit über 500 Songs veröffentlichte hinzu. "Und meine alten Songs sind wie ein Tagebuch, aus dem ich lese und das Konzert für Konzert musikalisch neu erfunden wird".

Hätte Bob Dylan im Mittelalter gelebt, er wäre Minnesänger, Dichter oder Troubadour gewesen. Im 21. Jahrhundert heißt sein Berufsstand "Rockpoet" und "Poplegende".

"Ich bin der einzige, der diese Art von Songs noch spielt", sagt er und erklärt damit auch, was wohl den Reiz seiner "Neverending-Tour" ausmacht. Doch dies wäre zu einfach, Dylans schier unaufhörliche Konzertreise und das "Gesamtkunstwerk" zu erklären.

Das damit verbundene Wirken muß im Kontext der selbstkreierten Demontage gesehen

werden. Dylan zelebriert die Gegenwart durch die Destruktion der eigenen künstlerischen Vergangenheit. Kein Konzert gleicht dem vorherigen, kein Song mehr dem Original. Der Dialog zwischen Kunst, Künstler und Publikum findet im Moment der Aufführung statt. Ein

Dialog, der sich wieder einmal moderner PR-Maschinerien entzieht, für seine zahlreichen Anhänger jedoch gerade Grund genug ist, ihm immer wieder zu huldigen.

Vielleicht erklären diese Aussagen, den Mythos um die Rocklegende "Bob Dylan" weitaus präziser, vielleicht entsprechen diese Aussagen viel mehr der Wahrheit, als die vielfach kursierenden Spekulationen und Mutmaßungen über die Person Bob Dylan. Vielleicht offeriert Bob Dylan im Jahre 2011 auch nur das, wozu viele andere nicht in der Lage zu sein scheinen: Musik, die hilft, intensiver zu leben und Worte dazu, die helfen, Intensität und Lebensgefühl zu erkennen. Vielleicht ist er nach Elvis Presley und vor den Rolling Stones auch nur der einzige, der die Unsterblichkeit des Rock`n`Roll glaubwürdig vermittelt.

Bob Dylan - Das Gesamtkunstwerk

Was erwartet eigentlich die Besucher eines Konzertes von Bob Dylan heute, wenn dieser auch 2011 wieder auf seine trotz alle Dementis noch immer als "Neverending-Tour" (NET) bezeichnete Konzertreise geht? Für die einen, die immer wieder zu seinen Konzerten kommen, ist es ein immer wiederkehrendes Deja-Vu-Erlebnis. Für manche von diesen ist es gar ein Ritual, Dylan bei einem seiner Konzerte in der jeweiligen Nähe ihrer Heimatstadt zu besuchen. Andere, die ihn noch nie live gesehen haben, erwarten vielleicht so etwas wie eine "Best Of"-Kollektion? Aber egal, ob man sich darauf freut oder nur mal so hingeht, egal, welche Erwartung man hat, man wird überrascht. Dylan tut nach wie vor nie das, was man von ihm erwartet. Und es sind auch immer wieder jene im Publikum, die ihn noch nie verstanden haben. Die werden sich über seinen nasalen Sprechgesang amüsieren, und Dylan als überbewertet hinstellen. Aber die, die das an ihm schätzen, was das Gesamtkunstwerk Bob Dylans ausmacht, werden damit zufrieden sein, was sie bekommen.

Die Widersprüchlichkeit, die das Reale und Irreale gleichermaßen zuläßt, ist es, die Dylan fasziniert und ihn damit immer wieder von neuem das Unberechenbare tun läßt. Unter den Singer/ Songwritern ist Dylan das, was man im Englischen einen "Performer" nennt. Einer, der etwas vorführt, inszeniert und jedem Auftritt eine persönliche Note verleiht und zudem nie einen Auftritt identisch mit dem nächsten werden lässt.

Konzertieren als Kunstform

Per Definition ist die "Performance", (der Begriff kann nicht adäquat ins Deutsche übersetzt werden, annäherungsweise verwendbar wären "Schauspiel", "Aufführung", "Vorführung") eine künstlerische Ausdrucksform wie z.B. Tanz und Musik, die vor einem Publikum aufgeführt wird. Der bestimmte Moment der Aufführung wird bei dieser Definition nicht sonderlich in den Vordergrund gestellt. Ein Moment, in dem etwas aufgeführt und etwas mit anderen geteilt wird. Im Moment des Aufführens duldet der Künstler einen Kontrollverlust, weil er sein Werk durch die Aufführung aus der Hand gibt und dem Zuhörer/Zuschauer zur Verfügung stellt. Auch wenn ein Künstler sein Privatleben noch so sehr der Öffentlichkeit entzieht, in diesem bewußten Moment des Aufführens gibt er immer auch ein Stück von sich selbst preis. Man muß sich im Erleben dieses Moments darüber bewußt sein, den größten Teil des Ichs eines Künstlers kennenzulernen.

Je mehr der Künstler in diesen Moment investiert, um so mehr erfahren wir von ihm. In Dylans Konzerten erfährt man Kunst als work-in-progress. Darin definiert sich Kunst von selbst. Kunst, in der die Erfahrungswelt zwischen subjektiver Wahrnehmung und individueller Darbietung keiner kritischen Neubetrachtung standhalten muß, sondern als Einheit angesehen wird. Kunst so zu erleben, ist aber nur für ein Publikum möglich, das in der Lage ist, den Künstler als Performer zu erleben und gewillt ist, ihm mit Aufmerksamkeit und Interesse zu begegnen. Vielleicht ist diese differenzierte Sichtweise des "Performing Artist" nur für Anhänger besonderer Künstlerfiguren und nicht für das breite Publikum erkennbar. Erst wenn man beginnt, das Konzerterlebnis als ein Stück Kunst zu erfahren, ist man auf dem Weg zu verstehen, daß mit dem Konzert - lange vor der Tonaufnahme - bereits Kunst geschaffen wird. Deswegen sind Größen der Rockgeschichte wie z.B. Bob Dylan, Leonard Cohen, Van Morrison, Neu Young, Lou Reed und Patti Smith nicht nur Musiker, sondern auch Performer, die ihre Musik durch die Performance zur Kunst erheben. Egal, ob sie eigene oder auch Cover-Songs in ihr Konzert aufnehmen, egal, ob das Konzert gut oder schlecht läuft. Sie schaffen mit jedem Auftritt Kunst und vergrößern damit ihr künstlerisches Werk.

Die Magie liegt im Moment des Erlebens

Ganz anders ist es bei einem Entertainer, der seinem Publikum nur das serviert, was es gerne hört und pure Unterhaltung bietet. Ganz anders auch wie bei den sogenannten Mega-Stars, die durch bombastische Shows und Special-Effects die vielgepriesenen Events kreieren und weniger die Performance eines Songs, als viel mehr das Ereignis in Szene setzen. Natürlich sind auch Künstlern wie Dylan Unterhaltungs- und Eventcharakter ihrer Darbietungen nicht abzusprechen, doch ihre Motivation liegt vordergründig in der nie wiederholbaren Einzigartigkeit ihrer Performance. Der spannende Punkt bei einem Dylan-Konzert ist nicht nur das Spielen der neuarrangierten Songs, sondern daß durch das neue Arrangement der Performer Dylan den alten Song zu einem neuen macht. Es entsteht eine neue Form der Verständigung und Kommunikation zwischen dem Kunstproduzenten und dem Kunstkonsumenten.

Konzerte als Form der Selbstverwirklichung

Es scheint, als läge in der Suche nach dieser Verständigung eine Form der Lebensverwirklichung solcher Künstler. Dylan zelebriert oft die Verweigerung vor den kommerziellen Bemühungen der Industrie. PR-Druck und Marketingmaschinerien gibt er ungern nach oder beherrscht sie sogar besser, als wir vermuten. Bei der Vermarktung seiner Konzerte besteht er noch immer auf nostalgisch anmutende Layouts für Konzertplakate und Anzeigen. Er ist ein Wanderer und Reisender, nie aber Tourist. Er zieht los, nicht um anzukommen, sondern, um unterwegs zu sein. Auch wenn er Platten aufnimmt und seine Kunst vervielfältigt werden kann, so scheint auch er, ruhelos und rastlos, nur für den Moment der momentanen Aufführung zu leben.

Dylan hat genau diese Idee in das Konzept seiner "Neverending-Tour" aufgegriffen und in sein eigenes Lebenskonzept integriert. Über 20 Jahre ist es her, als Dylan begann sich mit dieser Art der "Performances" selbst zu verwirklichen und damit sein Live-Wirken vor 1988 hinter sich zu lassen. Und als Dylan am 27. November 2010 die Bühne des MGM Grand Theatre at Foxwoods in Mashantucket, Connecticut/ USA mit "Like A Rolling Stone" verließ, war es das 2305. Konzert dieser nicht-enden-wollenden Tour. Abend für Abend ändern sich seitdem die Setlists, sechzehn Mal hat seitdem Dylans Begleitband gewechselt, und unzählbare Veränderungen in Tonlagen, Tempi und Arrangements multiplizieren Dylans Werk mit sich selbst. Dylan definiert die Definition seiner Songs neu und überholt sich, ohne sich dabei zu kopieren. Nehmen wir also Teil und werden zum Mosaikstück eines längst noch nicht vollendeten Gesamtkunstwerks namens "Bob Dylan."

Bob Dylan in Deutschland (1978-2009)

Seit Bob Dylans Platten-Debut 1962 spielte er nicht nur die über 50 Alben (inkl. Live-Mitschnitte) ein, seitdem gab er auch insgesamt etwa 4000 Konzerte (die 2305-Net-Konzerte inbegriffen), je nach dem, ob man Festival-, Club- oder Gala-Auftritte dazu zählt, sind es ein paar mehr oder weniger.

In Deutschland allerdings trat er zum ersten Mal erst im Juni 1978 in Dortmund auf. Nach seinen beiden Konzerten am 26./ 27. Juni in der dortigen Westfalenhalle war er Headliner beim ersten großen Mega-Open Air auf dem Nürnberger Zeppelinfeld am 1. September 1978 vor ca. 100.000 Besuchern.

Insgesamt trat Bob Dylan seit 1978 112 Mal live in Deutschland auf. 92 Mal davon im Rahmen der "Net", 20 Mal in den Jahren zuvor. Darunter ein Konzert in der ehemaligen DDR am 17. September 1987 im Treptow-Park in Ost-Berlin.

Legendär auch die sechs Konzerte mit Tom Petty 1987, die vier Open Air-Stadion-Auftritte 1984 sowie die Tournee 1981, als Dylan sechs Mal zusammen mit Carlos Santana und Joan Baez auftrat. Ebenso legendär auch die einzige Pressekonferenz Bob Dylans, die jemals auf deutschem Boden stattfand am 31. Mai 1984 in Hamburg. Anlässlich des Europatournee-Auftaktes zusammen mit Joan Baez und Carlos Santana fand nach der Pressekonferenz am 28. Mai 1984 im italienischen Verona noch eine zweite Pressekonferenz im Clubhaus des St. Paul-Stadions in Hamburg statt. Das unter Dylanologen immer wieder gern zitierte Transkript der etwa 30-minütigen Pressekonferenz dokumentiert, wie ungern Bob Dylan mit der Presse kommunizierte. Wortkarg, gespielt unkonzentriert und völlig desinteressiert gab er dem "zarten Druck" des Veranstalters Fritz Rau nach, um die bis dato noch nicht ausverkaufte Europatournee zu promoten.

Mr Dylan, you sing a lot of the old songs. Do you still have the old feelings when you sing them?

B.DYLAN: Oh absolutely.

What do you want to say when you sing the old songs, or is it just a compliment for the public?

B.DYLAN: I wanna say this what's in the songs, you know. A few of the songs I've changed lyrics too, bringing them more up to date, you know.

How do you feel being on stage again with Joan Baez?

B.DYLAN: I haven't been on the stage with Joan yet. It hasn't happened

yet, but I'm sure it will be a wonderful experience.

Are there any other singers you would like to sing with?

B.DYLAN: Mmmm, sure ... Elvis Presley.

Will you keep the band you have now on tour, or is it just for this tour?

B.DYLAN: Well, what... that's hard to say you know.

Do you think you have been lucky to get that band?

B.DYLAN: Oh, I'm always lucky to get any band.

Viel war Dylan damals wie heute nicht zu entlocken.

Jedes Konzert ist noch immer anders!

Dylan zelebrierte damals wie heute eine Art Verweigerung vor den kommerziellen Bemühungen der Industrie. Dylan lebt lieber nur für den Moment der momentanen Aufführung, ähnlich übrigens wie auch seine Vorbilder Hank Williams und Woody Guthrie, die auf diese Art das "Great American Songbook" mitprägten. Und den Begriff der "Neverending-Tour" hat er längst im Booklet zum '93er Album "WORLD GONE WRONG" bei Anmerkungen zu dem Song "Lone Pilgrim'" dementiert: "Der Begriff "Neverending-Tour" ist längst überholt", sagte er und ergänzte: "Diese endete bereits 1991 nach dem Austritt von G.E. Smith aus Dylans damaliger Begleitband. Doch in der Öffentlichkeit hält sich dieses Synonym für Dylans Konzertieren auch noch 20 Jahre später. Es gibt für ihn eben keinen Grund, nicht das zu tun, was er gerade tut, nicht das zu singen, was ihm gerade in den Sinn kommt. Das faszinierende ist dabei, dass es immer mehr gibt, die ihm dabei zusehen und zuhören wollen.

Es mag bessere Musiker und bessere Dichter geben als Bob Dylan, keiner aber verbindet den Propheten, Poeten, Rebellen und Zyniker in einer Person so gut,

keiner verkörpert die Verschmelzung von Handwerk und Kunst, von Tradition und Moderne in der Rockmusik besser als Bob Dylan. Da Capo!

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