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BOB DYLAN: Biographie

«Ich halte mich selbst nicht für Bob Dylan»

Die Unvereinbarkeit in Person: Amerikas große Rocklegende wird morgen 60 Jahre alt

Von Christof Graf

(in: BERLINER MORGENPOST vom 23.Mai 2001 anlässlich BOB DYLANs Geburtstag am 24. Mai 2001)

http://www.berliner-morgenpost.de/inhalt/blickpunkt/story424342.html

Kaum ein anderer Lebensweg eines Künstlers wird derart mit Aufmerksamkeit beobachtet wie der von Rocklegende Bob Dylan. Und auch kaum ein anderer Musiker wird von Kritikern und Fans gleichermaßen mit Respekt und Verehrung bedacht. Egal, ob Künstlerkollegen oder die heranwachsende Musikergeneration - es ist zumeist Bob Dylans Name, der als musikalisches Vorbild genannt wird. Morgen begeht die in diesem Jahr erstmals mit einem Oscar ausgezeichnete Ikone der Rock- musik ihren 60. Geburtstag.

«Wer Bob Dylan ist? Ich bin nur Bob Dylan, wenn ich Bob Dylan sein muss. Die meiste Zeit bin ich einfach nur ich selbst. Bob Dylan denkt niemals über Bob Dylan nach. Ich halte mich selbst nicht für Bob Dylan. Es ist so, wie Rimbaud gesagt hat: Ich ist ein anderer.»

Kaum eine andere Aussage gibt mehr über Bob Dylans Denken und Handeln preis. Kaum eine andere lässt mehr Spielraum für Interpretationen. Er bevorzugte es, seine ausdrucksstarken Songs wie «Blowin' in the wind», «The times they are-a-changin'», «Knockin' on heaven's door» oder «Masters of war» für sich sprechen zu lassen, anstatt seine «Privatperson» in den Vordergrund zu stellen.

Der Sohn eines Waschmaschinenhändlers, aufgewachsen in Duluth, Minnesota, entzog sich sogar seinem Geburtsnamen Robert Allen Zimmermann und machte in Anlehnung an den walisischen Dichter Dylan Thomas schon immer gerne ein Geheimnis um seine Person. Vielleicht wollte er auch nur nicht die Rolle des Revolutionärs und Visionärs spielen, die ihm andere oktroyierten. Vielleicht ist er einfach nur viel lieber Gitarrist, Sänger und Songwriter. Mit Sicherheit aber ist er die Unvereinbarkeit in Person, Entzieher von Erwartungen und ein guter Wächter des eigenen Ichs.

Seine Wohnsitze in Florida und Kalifornien und Familiäres sind kaum bekannt. Präsenz zeigt Dylan lediglich auf der Bühne. Plattenumsätze und Orden nimmt er zur Kenntnis, aber nicht wirklich ernst. Wie kein zweiter Künstler außer Andy Warhol hat er den Geist der 60er-Jahre mitgestaltet, die bis dahin bestehenden künstlerischen Grenzen überschritten und für andere geöffnet. Mit Alben wie «The Freewheelin' Bob Dylan» (1963) und «The Times They Are-A-Changin» (1964) vollzog er rasch den Übergang vom Folkmusiker zum engagierten Sänger seiner eigenen neuartigen Song-Gedichte und etablierte somit das Genre der Singer/Songwriter. Egal, ob Neil Young oder Lou Reed, R.E.M. oder U2, sie alle nennen Dylan als ihr Idol.

Wichtiger noch für die Entwicklung der Rockmusik waren «Like A Rolling Stone», der erste Top-Hit mit ernst zu nehmenden Lyrics, sowie sein US-Auftritt beim Newport Folk Festival 1965. Dort schloss er seine Gitarre an einen Verstärker an und trug damit den Rock'n'Roll in die heiligen Hallen der engstirnigen Traditionalisten. «Judas» beschimpfte man ihn deswegen. «Play fuckin' loud» war daraufhin die Anweisung an seine Begleitband. Danach war musikalisch alles möglich. Doch nach seinem Motorradunfall 1966 begann eine Phase völliger Zurückgezogenheit. Dann folgte mit «John Wesley Harding» (1967) das allererste Country-Rock-Album der Rockgeschichte. Trotz weiterer wichtiger Alben in den folgenden drei Dekaden endete für viele sein unmittelbarer Einfluss auf die Rockgeschichte, und die Legendenbildung beginnt. 1969 z. B. verweigerte er seine Teilnahme in Woodstock, um nicht zum «Sprachrohr einer ganzen Generation» zu werden.

Dem zurückgewonnenen künstlerischen Erfolg und dem mit seinem Buch «Tarantula» und der längsten Tournee einer Rockband überhaupt folgte Mitte der 70er-Jahre eine private Misere. In den 60ern bereits von seiner Lebensgefährtin Joan Baez getrennt, zerbrach auch die Ehe mit seiner Frau Sarah, mit der er vier Kinder hat. Jakob, das jüngste, etablierte sich in den 90ern mit der Band «The Wallflowers» als erfolgreicher Songwriter und Bandleader. Ende der 70er suchte Dylan für einige Alben seine Antworten in Bibelstudien und religiösen Texten. Ende der 80er-Jahre beginnt die viel zitierte «Neverending Tour» mit rund 100 Live-Konzerten pro Jahr. Mit der Aufnahme in die Rock'n'Roll Hall of Fame, zahlreichen Grammy-Awards oder der jüngsten Auszeichnung mit dem Oscar für seinen Song «Things have changed» sowie zahlreichen Ehrungen wird Dylan zum am höchsten dekorierten Künstler der populären Musik überhaupt. Seit drei Jahren wird er sogar regelmäßig für den Literatur-Nobelpreis vorgeschlagen. Mit seinem Album «Time out of mind» (1997) verkörperte er einmal mehr sämtliche Wurzeln moderner Musik und damit die Tiefe seiner Reflektionsfähigkeit.

Doch all das erfasst noch lange nicht den Mythos Bob Dylan. Es ist seine unaufhörliche Konzert-Reise, die den Moment des real aufgeführten Liedes in den Mittelpunkt steht, es ist die selbst kreierte Demontage seiner eigenen Lieder, die er Konzert für Konzert verschieden klingen lässt. Vielleicht offeriert Bob Dylan im Jahre 2001 aber auch nur das, wozu viele andere nicht in der Lage zu sein scheinen: die glaubwürdige Vermittlung der Unsterblichkeit des Rock'n'Roll. «Vielleicht bin ich der Einzige, der diese Art von Songs noch spielt», sagt er und erklärt letztendlich, was wohl den Reiz seiner «Neverending Tour» und damit den Mythos Bob Dylans ausmacht.

To be continued

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