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Foto: Christof Graf

VIII. The Cohenpedia - Leonard Cohen von A - Z

(Quelle: Christof Graf`s Bücher über Leonard Cohen - ,,Partisan der Liebe" (1996) und ,,Titan der Worte" (2010)

U

U2

U2 `s Berührungspunkte mit Leonard Cohen sind vielfältiger Natur: zum einen sind sowohl sänger BONO wie auch Gitarrist the Edge bekennende Cohen-Fans, beide wirkten auch beim "I`m Your Man"-Film 2005 mit, und zum anderen coverten U2 bei ihrer 2001er-Welttournee des öfteren den Cohen-Song "Hallelujah" live.

Anbei ein Konzertbericht von 2001 des Autors:

,,Die Vergangenheit der Neo-Moderne"

Die irische Superstar-Band ,,U2" setzt sich selbst neue Maßstäbe im Jahre 2001

Text & Fotos: Christof Graf

Vor fast genau einem viertel Jahrhundert hing am Schwarzen Brett der Mount Temple High School in Dublin ein Zettel. Der Schlagzeuger Larry Mullen suchte für seine noch zu gründende Band einige Mitstreiter. Paul ,,Bono" Hewson (Vocals) , David ,,The Edge" Evans (Gitarre) und Adam Clayton (Bass) meldeten sich. Was danach kam ist Geschichte. U2-Geschichte. Eine Geschichte, die mittlerweile über 100 Millionen verkaufte Alben erzählt. Mit ihrem aktuellen Album gingen U2 einen weiteren Schritt in die Zukunft.

Und der liegt in der Vergangenheit. Mit ,,All that you can`t leave behind" verstanden es die Mannen um Bono Vox sich sämtlichen Vorwürfen der Kommerzialisierung und des U2-Ausverkaufs zu entledigen. Zu bombastisch, zu gigantisch wurden die Erwartungen an jede Neuveröffentlichung, an jede neue Erdumrundung. ,,U2 hatten Probleme sich selbst zu übertreffen", sagt Bono Vox und ergänzt: ,,Die Auftritte in Stadien frassen viel Energie, Zeit und Geld". Gemeint ist vordergründig die letzte PopMart-Tournee 1997, die neben guten musikalischen Kritiken, extremen Kosten nur Spott und Häme über den ökonomischen Exitus erntete. U2 als Geldvernichtungsanlage? U2 als letztes Glied ihrer eigenen Wertschöpfungskette? Oder U2 einfach nur im Rausch eines Höhenkollers?

Abschied vom Gigantismus

Anyway, vier Jahre später, endlich in ihrer eigenen Vergangenheit der Neo-Moderne angekommen, schaffen es U2, wieder zu dem zu werden, was sie einmal waren: Eine Band mit Idealen. Eine Band von der Basis, für die Basis. ,,Für uns ist es wieder enorm wichtig geworden, daß unsere Arbeit interessant bleibt.", sagt U2-Kopf Bono Vox. - Der Begriff der ,,egoistischen Platte" gewinnt an Bedeutung, wenn man Mit ,,All that you can`t leave behind" gleichzeitig als Dokument und Resultat der eigenen Historie ansieht. ,,Die neuen Songs sind eine spannende Mixtur aus tradition und Moderne", fasst der U2-Kopf zusammen. ,,Beautiful day" empfindet die Band ,,als den besten Song des Albums", ,,Stuck in a moment" ein Stück, der zu den Wurzeln zurückfindet." Über ,,Elevation" und ,,Walk on" ist nicht mehr zu erfahren, als daß sie als Songs einzustufen sind, ,,die die Fans mögen werden". ,,Kite" ist der am schnellsten eingespielte Song", ist zu erfahren. ,,In a little while" sei das ergebnis einer langen Nacht, wonach der Song auch klinge". ,,Peace on earth" ist ein Song ,,zum Nachdenken". ,,Grace" sei das ideale Schlusslied. - Klingt fast nach einer Art von Bilanz ziehen. Und in der Tat empfinden U2 die Popmart-Tour posthum auch als eine Art Abschied vom selbstgesetzten Gigantismus der 90er Jahre. Und auch die Veröffentlichung des Doppel-Albums ,,The Best Of 1980-90" gehörte zum kollektiven Ziehen des Schlusstriches. ,,Es war so etwas, wie das große Reinemachen am Ende des Jahrtausends."

Zukunft der Post´-Moderne

Flashback. 1979 veröffentlichen U2 eine erste 3-Track-EP namens ,,U23". Im Jahr darauf unterzeichnete die Band ihren ersten Plattenvertrag. Einen Monat später erschien die Single ,,11 o`clock Tick Tock" vom ,,Boy-Album". Nach ,,October" (1981) wurde bereits das dritte Album ,,War" (1983) zu einem Nr. 1-Album. Im November 1983 wurde das erste Live-Album der Band veröffentlicht: ,,Under a Blood Red Sky" - die Aufnahme ihres legendären Konzertes im Red Rock`s Amphiteather von Colorado. Nach ,,The unforgttable Fire" (1984), ein weiteres Nr. 1-Album, schafften U2 mit einem weiteren legendären Auftritt, nämlich den beim ,,Live Aid-Konzert", den internationalen Durchbruch. U2 war zur Weltmarke geworden. Das immer wieder proklamierte soziale Engagement der Band verfestigte sich mit der amerikanischen Amnesty International ,,Conspiracy of Hope" - Headliner-Tour im Sommer 1986, an der auch Peter Gabriel, Lou Reed, Bryan Adams, The Neville Brothers, Joan Baez und Sting teilnahmen. Das Abschlußkonzert der Tour im Giants Stadion von New Jersey wurde live von MTV übertragen und präsentierte als Special Guests Joni Mitchell, Muhammed Ali, Miles Davis und den letzten Auftritt von Police.

Im März 1987 kam ,,The Joshua Tree" und die berühmte Hymne ,,I still haven`t found what I am looking for" heraus, das zweite Album, produziert von Brian Eno (Roxy Music) und Daniel Lanois (Bob Dylan). Eine Tour mit über 100 Konzerten folgte. Dokument dieser Tour wurde das Doppellive-Album ,,Rattle and hum". Die Folgetour 1989 unter dem Titel ,,Lovetown" absolvierten U2 mit Blues-Idol B.B. King im Vorprogramm.

Im Herbst 1990 begannen U2 in den Berlkiner Hansa Studios mit der Arbeit an ,,Achtung Baby", welches 1992 mit der ,,Zoo Tv-Tour" promotet wurde. Die kurze Frühjahrspause nutzten U2, um ,,Zooropa" (1993) einzuspielen.

,,Zooropa" zeigt, was ich meine, wenn ich sage, die Stimmungen auf dieser Platte sind sehr stark von dem beeinflußt, was William Gibson über die Zukunft schreibt", erklärt Bono den Schnellschuß.

Beim großen Finale jedes ,,Zooropa"-Konzertes betrat Bono als selbsternannter neuester Rockstar namens Macphisto die Bühne: im goldenen Anzug, weiß geschminbkt und von Teufelshörnern gekrönt. Als solcher telefonierte er bei jeder Show live auf der Bühne mit überrschten Prominanten. So erklärte er beispielsweise in Italien Mussolinis Nichte Allessandra, daß sie ,,einen großartigen Job mache, in die Fußstapfen ihres alten Onkels zu treten" und sang ,,I just called to say I love you" für Pavarotti. Wo anders bestellte er Pizza ins Stadion oder versuchte den amerikanischen Präsidenten an den Hörer zu bekommen. Krönung dieser Tour, war der Clou, Lou Reed mit Velvet Underground bei einigen Konzerten im Vorprogramm auftreten zu lassen.

1995 veröffentlichten U2 ,,Melon", ein Remix-Album, das exklusiv für ihren Fanclub bestimmt war. Für den Soundtrack zu ,,Batman Forever" schrieben U2 den Song ,,Hold Me, Thrill Me, Kiss Me, Kill Me". Gemeinsam mit Pavarotti, Howie B, Brian Eno und Holi nahmen U2 das Avantgarde-Album ,,Original Soundtracks Vol. 1" auf, das unter dem Pseudonym ,,Passengers" veröffentlicht wurde. Für Tina Turners James Bond-Titelmelodie ,,Goldeneye" wurden Bono und The Edge verantwortlich gezeichnet. Mit ,,Theme from Mission Impossible" landeten Adam Clayton und Larry Mullen ein Jahr später ihren eigenen Riesenhit. Die Liste der Solo-Aktivitäten, Erfolge und Kooperationen mit Legenden wie Bob Dylan, Keith Richards, Frank Sinatra oder Johnny Cash ist lange. Bono intonierte mit ,,Hallelujah" sogar einen Song von Songwriter-Legende Leonard Cohen, der bei der 2001er Tour sogar live angespielt wurde.

Doch zuvor war erst einmal das ,,Pop"-Album angesagt (1997). ,,Pop war das Gefühl eines Moments", sagt Bono. ,,Dieses Album war unsere Version von Pop. Rock`n`Roll wie er zum Ausgang des Jahrtausends zu klingen hatte", argumentiert Bono weiter. ,,Aber vielleicht hatten manche Leute wegen der Reihenfolge der Songs Probleme mit der Platte. Vielleicht lag es daran, daß wir mit Stücken wie ,,Mofo" und ,,Discothéque" gleich zu Beginn den Rhythmus so hervorgehoben haben."

Nach der Popmart-Tournee 1997 zogen sich U2 zurück. Zeit der Neubesinnung? Nicht nur. Die Sucht nach Gigantonomie war schon lange zur Droge geworden. Therapie war angesagt. Enthaltsamkeit, Öffentlichkeitsscheu, soziale Belange wie die von ,,Green Peace" standen im Vordergrund. Erste Fingerübungen wagte man mit dem Soundtrack zu Wim Wenders Film ,,The Million Dollar Hotel". Doch das soziale Engagement hörte nicht auf. Die Teilnahmne an einer Demonstration gegen eine britische Nuklearanlage in Sellafield, Cumbria und an der ,,Jubilee 2000"-Organisation in Köln, zur Schuldentilgung der ärmsten Länder Afrikas waren hierbei mehr als eine Pflichtübung. Es war ein Schritt auf dem Weg zurück zur Vergangenheit.

Doch die Zukunft schaut dennoch anders aus. Das einzige, was sie mit der Vergangenheit verbindet, ist die Tatsache, daß kein Mitglied jemals U2 verlassen hat und keines kam jemals dazu.

Triumpfzug durch Minimalismus

Nach vier Jahren Bühnenabstinenz eröffneten am 12 Juli 2001 U2 ihre erste Millenium-Deutschlandtournee. Mit zwei restlos ausverkauften Shows in der Kölnarena absolvierten die vier Iren vor jeweils 18.000 begeisterten Fans über zweistündige Konzerte.

Doch trotz der großen Halle stand nicht nur die Musik im Vordergrund, sondern auch die Suche nach dem Minimalismus. Auf der spartanisch ausgestatteten und rundum einsehbaren Bühne zelebrierte die Band das, was sie einst groß machte, und in den vergangenen Jahren etwas in Vergessenheit geriet: Publikumsnähe.

Diese wurde durch eine zusätzliche herzförmige Bühne realisiert, die mit der Hauptbühne in Verbindung steht. Insbesondere Frontmann Bono Vox weiß sich darauf theatralisch in Szene zu setzen. Manchmal einem Derwisch gleich, manchmal gar demagogisch, zieht er ohne viel Mühe die Massen in Bann. Singt mit ihnen, motiviert sie und läßt sich motivieren. Manchmal geht er sogar auf Textblätter ein, die ihm aus dem Publikum entgegengehalten werden.

Stand die Band bei den Openern ,,Elevation" und ,,Beautiful day" noch geschlossen auf der Hauptbühne, wagte Bono bei ,,Until the end of the world" bereits sein erstes Bad in der Menge. Was folgte war nicht nur frenetischer Beifall sondern auch ein Hitgewitter: ,,New Year`s day (mit Ansage in deutsch), Sunday bloody Sunday, Stay, das legendäre ,,Bad" das beeindruckende ,,Where the streets have no name" oder auch das turbulente ,,Fly" wurden von einer Band präsentiert, die sich ihrer mittlerweile 25jährigen Geschichte bewußt ist, diese nicht verleugnet, diese jedoch auch nutzt, um in die Zukunft zu schauen. Keine musikalischen Experimente, keine multimedialen Show, sondern das gelungene Konglomerat aus erdiger Rockmusik und eingängigen Popmelodien sind es, was U2 im neuen Jahrtausend ausmachen.

Die zwei Zugabenblöcke mit ,,Bullet the blue sky", ,,With or without you", ,,One" und ,,Walk on", setzten schließlich die Ausrufezeichen an der richtigen Stelle: U2 sind wieder dort, wo sie einmal waren: an ihrer Basis, bei ihren Wurzeln, bei Glaubwürdigkeit und Authentizität, womit U2 im Zeitalter der Musikklonen wieder einmal neue Maßstäbe setzen.

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